Siebenschläfer

 

 

Ist dir schon mal ein Siebenschläfer über den Weg gelaufen?

 

Wenn ja, dann Glückwunsch! Es ist nämlich gar nicht so einfach den Siebenschläfer in

seiner natürlichen Umgebung zu beobachten.

 

Vermutlich ist dir die Bauernregel bekannt, dass das Wetter am 27. Juni – dem

sogenannten Siebenschläfer-Tag – darüber entscheiden soll, wie das Wetter in den

darauffolgenden sieben Wochen werden soll. Doch wusstest du, dass der Siebenschläfer-Tag

überhaupt nichts mit dem Nagetier zu tun hat und auf einer christlichen Legende über die

sieben Schläfer von Ephesus beruht?

 

Doch soll es hier in diesem Artikel nicht um irgendwelche christlichen Legenden gehen.

 

Nein. Hier geht es tatsächlich um das Nagetier: den Siebenschläfer.

 

 

Doch wie kam ich auf den Siebenschläfer? Und wo habe ich ihn gesehen?

 

Zum Siebenschläfer kam ich durch Zufall.

 

Auf der Suche nach einem Thema für meine Diplomarbeit hatte ich mich umgehört, welche

Möglichkeiten es für mich an der Uni Ulm, wo ich studiert habe, gab. Eigentlich wollte ich ja

was mit Delfinen machen – hätte auch schon ein Projekt gehabt wo ich meine Diplomarbeit

hätte machen können – doch hätte ich dafür keine Unterstützung von Professoren bekommen.

 

Interessiert war ich auf alle Fälle an einem Projekt wo ich auch Feldarbeit machen konnte.

 

Ich wurde allerdings darauf hingewiesen, dass ich mir dafür erst mal ein Auto zulegen müsste.

Doch war das von dem Bafög, das ich bekommen hatte, nicht möglich mir mal schnell ein

Auto zuzulegen.

 

Ein Fledermausprojekt in Panama stand auch noch im Raum – was mit Sicherheit auch super

spannend gewesen wäre – doch hat mich dann eine frühere Kursleiterin auf das Siebenschläfer-

Projekt aufmerksam gemacht.

 

Ich war sofort begeistert.

 

Ich hatte noch nie zuvor einen Siebenschläfer gesehen!

 

Wo halten sie sich auf?

Wie leben sie? In Gruppen oder alleine?

Was fressen Siebenschläfer eigentlich?

 

Ich wusste kaum bis gar nichts über den Siebenschläfer.

 

Doch das sollte sich ja dann im Laufe meiner Diplomarbeit ändern.

 

Besonders spannend an dem Projekt fand ich wie zwei unterschiedliche Bereiche der

Biologie – Zoologie und Molekularbiologie (Genetik) – miteinander kombiniert werden um

mehr über eine Tierart zu erfahren.

 

Somit entschied ich mich das genetische Paarungssystem des Siebenschläfers – Glis glis wie er

auf lateinisch heißt – während meiner Diplomarbeit zu untersuchen.

 

Aber du fragst dich jetzt wahrscheinlich…

 

 

Um was geht es denn beim genetischen Paarungssystem?

 

Dazu erstmal ein kurzer Überblick.

 

Man kann das Paarungssystem sowohl in ein soziales als auch in ein genetisches unterteilen.

Das soziale Paarungssystem beruht auf Beobachtungen und gibt Aufschluss über das

Verhalten. Bei dem genetischen Paarungssystem hingegen werden molekularbiologische

(genetische) Methoden herangezogen um die tatsächlichen biologischen Verwandtschafts-

verhältnisse zu erfahren.

 

Denn das was wir beispielsweise als monogam beobachten können, ist nicht unbedingt

tatsächlich monogam…

 

Generell lassen sich die Paarungssysteme in ein monogames und polygames einteilen. Bei einem

monogamen Paarungssystem paaren sich Männchen und Weibchen exklusiv nur mit ihrem

Partner bzw. ihrer Partnerin. Bei der Polygamie ist das nicht so. In einem polygamen

Paarungssystem kann es sein, dass sich die Männchen mit mehreren Weibchen paaren, aber die

Weibchen nur mit einem Männchen (Polygynie). Oder andersrum. Die Weibchen paaren sich mit

mehreren Männchen und die Männchen nur mit einem Weibchen (Polyandrie). Es kann aber

auch sein, dass sich sowohl Männchen als auch Weibchen mit mehreren Partnern paaren wobei

sowohl lang anhaltende Bindungen gebildet werden können (Polygynandrie) oder sich die

Partner nur zur Paarung treffen (Promiskuität).

 

Und warum ist monogam nun nicht unbedingt tatsächlich monogam?

 

Und da sind wir dann wieder beim sozialen und genetischen Paarungssystem.

 

Zum Beispiel wurden viele Vogelarten wie die Sumpfschwalbe oder die Blaumeise in der

Vergangenheit als monogam eingestuft, da sie in Paaren lebten.

 

Das haben Forscher beobachtet.

 

Doch war es tatsächlich so?

 

Nein. War es nicht.

 

Denn die Forscher können nicht 24 Stunden am Tag die Vögel ununterbrochen beobachten. Das

ist praktisch schwer umzusetzen. Daher haben sie auch nicht beobachten können, was die Vögel

machen, wenn die Forscher mal nicht vor Ort waren.

 

So monogam wie sie leben sind sie nämlich nicht unbedingt.

 

Die Forscher fanden daher mit molekularbiologischen (genetischen) Methoden heraus – sie

haben Vaterschaftstest durchgeführt – dass der Nachwuchs innerhalb eines Nestes zwar der

Nachwuchs vom Weibchen ist, aber nicht unbedingt der soziale Vater auch der genetische

Vater ist.

 

Das heißt, im Fall der Sumpfschwalben und Blaumeisen haben sich Weibchen und

Männchen außerhalb ihrer Paarbindung mit anderen gepaart.

 

 

Und wie sieht das beim Siebenschläfer nun aus?

 

Der Siebenschläfer ist ein nachtaktives Nagetier und lebt in Bäumen. Daher ist es praktisch sehr,

sehr schwierig das Paarungssystem von ihm zu beobachten und zu beschreiben.

 

Bevor ich mit meinen Untersuchungen angefangen habe, musste ich mich erst mal durch viel

Literatur wühlen.

 

Es war zumindest schon mal bekannt, dass die Paarungssaison im Juni/Juli beginnt. Außerdem

habe ich durch meine Recherchen erfahren, dass die Tragzeit der Weibchen in etwa 30-32 Tage

dauert und ein Weibchen durchschnittlich 5-6 Jungtiere zur Welt bringt wobei ein Weibchen

auch bis zu 11 Junge bekommen kann. Bekannt ist auch, dass die Aufzucht der Jungtiere ohne

das Männchen stattfindet.

 

Nach meiner Recherche bin ich davon ausgegangen, dass es sich bei dem Siebenschläfer um ein

promiskes Paarungssystem handeln könnte, da beim Siebenschläfer kein Geschlechts-

dimorphismus vorliegt (Männchen und Weibchen sind an ihrer Körpergröße und –farbe nicht zu

unterscheiden) und außerdem überlappen sich die Reviergrößen von verschiedenen Männchen

und Weibchen.

 

 

Der Anfang meiner Untersuchung

 

Für meine Diplomarbeit wurden mir Gewebeproben aus dem Jahre 2001 zur Verfügung

gestellt. Die Proben stammten von Siebenschläfern aus einem Wald in Hohenentringen, in

der Nähe von Tübingen.

 

Das bedeutete für mich, ich musste für meine Diplomarbeit keine Proben sammeln und konnte

direkt mit den Vaterschaftsanalysen im Labor beginnen.

 

Dennoch bekam ich die Möglichkeit an Feldarbeiten teilzunehmen, so dass ich mit den

Laborarbeiten zunächst in Tübingen startete, aber in Ulm dann als ich an meiner Diplomarbeit

schrieb noch eine Doktorandin bei ihren Feldarbeiten unterstützten konnte.

 

Da es nicht besonders spannend ist zu erzählen wie die Vaterschaftsanalysen im Labor

durchgeführt werden, erzähle ich hier nur über die Feldarbeiten in mehreren Wäldern in und

um Ulm.

 

 

Siebenschläfer in den Wäldern um Ulm

 

Für die Feldarbeiten wurde wöchentlich am Tag sogenannte Nestboxen kontrolliert (siehe

Bilder). Da der Siebenschläfer Winterschlaf hält, müssen die Feldarbeiten zwischen Mai

und Oktober stattfinden. Das heißt, innerhalb dieser Periode bewohnen Siebenschläfer die

Nestboxen um ihre Jungen dort groß zu ziehen.

 

Um die Siebenschläfer voneinander unterscheiden zu können, bekamen sie einen kleinen

Transponder unter die Haut gespritzt. Allerdings erhielten nur Erwachsene so einen

Transponder.

 

Neben der Identifizierung des Siebenschläfers wurden unter anderem auch Daten wie

Geschlecht, Körpergröße und –gewicht aufgenommen.

 

Die 1x2mm großen Gewebeproben für die genetischen Untersucheungen wurden vom

Ohrlappen entnommen.

 

Das Alter der Jungtiere wurde geschätzt anhand ihrer Hautfarbe, ihres Felles und ob

sie offene oder geschlossene Augen und schon getrennte Finger und Zehen haben.

 

 

 

Was ich aus den Feldarbeiten gelernt habe

 

Für mich selber habe ich herausgestellt, dass es mir sehr wichtig ist zu erfahren wie die Proben

gesammelt werden. Labor ja, aber ich wollte nie nur im Labor arbeiten.

 

Wichtige Fragen für mich sind:

 

Welche Arbeiten müssen verrichtet werden?

Wann werden die Proben gesammelt?

Was muss dabei beachtet werden?

 

Im Laufe meiner weiteren Arbeiten nach dem Studium musste ich nämlich feststellen, dass sich

die Forscher in der Regel (nicht unbedingt aber oft) entscheiden müssen/sollten: Feldarbeit

oder ins Labor.

 

Oft haben die Forscher dann im Labor allerdings keinen bzw. wenig Bezug zu den Tieren, die sie

eigentlich erforschen.

 

Ich habe mir schwer getan das zu verstehen.

 

Ein weiterer Punkt mit dem ich mich sehr beschäftigt habe (und auch immer noch beschäftige).

 

 

Wie weit sollten wir die Tiere für Forschungen in ihrem Lebensraum überhaupt stören?

 

Zum einen denke ich, wenn wir die Tiere in unseren Wäldern, Bergen usw. besser kennen, dann

sind Menschen auch eher bereit sie zu schützen. Von daher denke ich, dass Forschungen wie

diese erforderlich und notwendig sind.

 

Vor allem wenn ich auf Fragen wie „Und was bringt dir das?“ keine Antwort parat habe, wie

diese Arbeit für den Menschen wichtig sein könnte, wird mir immer wieder bewusst, wie wenig

wichtig die Tiere in unserer modernen Industriegesellschaft sind und geschätzt werden

(hoffentlich machen es uns andere Länder auf anderen Kontinenten nicht nach).

 

Aber zum anderen stören wir mit unseren Forschungen auch die Tiere in ihrem Leben.

 

Daher kamen auch immer wieder Zweifel in mir hoch ob ich für die Forschung von Tieren

überhaupt geeignet bin?

 

Mir selber ist es wichtig nicht nur zu forschen um möglichst viele Publikationen zu

veröffentlichen oder einen sicheren und festen Lehrstuhl zu bekommen. Wie es an der Uni so

üblich ist. Nein. Ich wollte immer was FÜR die TIERE machen.

 

 

Aber was kam denn dann bei meiner Diplomarbeit nun heraus?

 

Die Ergebnisse meiner Diplomarbeit deuten darauf hin, dass der Siebenschläfer tatsächlich in

einem promisken Paarungssystem lebt, d.h., sowohl Männchen als auch Weibchen sich mit

mehr als einem Partner paaren.

 

Zum einen kam es vor, dass in einem Wurf mehr als ein Männchen als Väter identifiziert werden

konnte (die Weibchen haben sich also mit mehreren Männchen gepaart) und einzelne Männchen

sehr wahrscheinlich die Väter in unterschiedlichen Würfen sind (die Männchen sich also mit

mehreren Weibchen gepaart haben).

 

Auch wenn noch weitere Ergebnisse notwendig sind, habe ich mich nach Vorliegen der

ersten Hinweise vor allem gefragt:

 

Warum paaren sich die Weibchen mit mehreren Männchen?

Erhöhen sie damit die Überlebensfähigkeit ihrer Jungtiere?

Ihre Jungtiere könnten dadurch genetisch vielfältiger ausgestattet sein und die

Wahrscheinlichkeit, dass wenigstens einer es zum Erwachsenenalter schafft erhöht sich.

 

Eine weitere Frage wäre, welche Männchen werden von den Weibchen ausgesucht?

Suchen sie überhaupt aus?

 

Fragen über Fragen. Die noch lange kein Ende nehmen.

 

Ich hatte sehr viel Glück an dem Projekt teilhaben zu können. Neben meinem

Auslandssemester in Australien (siehe auch: Phillip Island – Ein Ort nicht nur für

Pinguinbeobachter  oder Tiere beobachten auf der australischen Insel Kangaroo Island)

war die Diplomarbeit eine wichtige Zeit für mich zu lernen wie Tierforscher arbeiten.

 

Mehr Informationen über den Siebenschläfer gibt es ansonsten noch auf folgender

Internetseite:

Deutsche Wildtierstiftung

 

 

Fazit:

Der Siebenschläfer ist eine Tierart über die es noch viel zu erforschen gibt. Durch

seine nachtaktive Lebensweise hoch in den Bäumen müssen andere Wege gefunden

werden wie er untersucht werden kann.

 

Warum es so schwierig ist den Siebenschläfer im Wald zu erforschen

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