Schildkröten - Sanfte Riesen

 

 

Auf der Suche nach Informationen über die Biologie von Meeresschildkröten bin ich auf das

Buch „Sanfte Riesen – Das rätselhafte Sterben der Meeresschildkröten“ von Osha Gray

Davidson gestoßen. Ein Buch das sich den vom Aussterben bedrohten Meeresschildkröten

widmet. Der Autor erzählt von dem unermüdlichen Einsatz von einzelnen Personen, einer

Epidemie auf den Grund zu kommen. Bei dieser Epidemie handelt es sich um die

Fibropapillomatose (kurz: FP) bei der es zu tumorartigen Auswüchsen kommt und weltweit auf

dem ganzen Globus Meeresschildkröten verenden lässt. Einige Biologen halten die FP sogar

für eine der schlimmsten Epidemien in freier Wildbahn, da sich die Epidemie nicht an einen

Ort beschränkt sondern Tiere in allen Weltmeeren betreffen.

 

Alles fing an mit den Grünen Meeresschildkröten. Doch die Epidemie hat über Artgrenzen

hinweg Tiere infiziert, so dass von den sieben Arten von Meeresschildkröten sechs von

ihnen mit FP schon infiziert wurden.

 

Osha Gray Davidson erzählt in dem Buch von dem traurigen Schicksal der Meeresschildkröten

und wie engagierte Menschen versuchen das rätselhafte Massensterben zu entschlüsseln. Das

Buch ist nicht nur wissenschaftlich fundiert erzählt, es will den Leser vor allem für die

Meeresschildkröten begeistern. Eine zentrale Rolle im Buch nimmt George Balazs ein. Er

gehört zu den ersten Rettern der Meeresschildkröten. Mit viel Ausdauer und seinem

unermüdlichen Einsatz hat er sich auf die Suche nach den Gründen für das mysteriöse

Massensterben  der Meeresschildkröten begeben.

 

 

George Balazs‘ Einsatz für die Meeresschildkröten

 

Angefangen hat es für den Zoologen George Balazs 1969 auf Hawaii als er Fischer dabei

beobachtete wie sie lebende Meeresschildkröten von ihren Booten aus in ihre Pick-ups

schleppten. Neugierig näherte er sich den Fischern um zu erfahren, dass die

Meeresschildkröten zu Restaurants gebracht werden wo sie frittiert oder zu Schildkröten-

Steaks verarbeitet werden. Ihm machten damals die große Anzahl der Schildkröten, die aus

dem Meer genommen wurden große Sorgen. War zu diesem Zeitpunkt doch noch unbekannt:

 

Wie viele gibt es von den Meeresschildkröten eigentlich noch?

 

George Balazs führte nach diesem Erlebnis sein Nomadenleben auf einem Segelboot in den

Gewässern um Hawaiis zunächst noch fort, doch etwa zwei Jahre später bewarb er sich

erfolgreich auf eine Stelle am Institut für Meeresbiologie auf Oahu wo er Futterrezepturen

für kommerziell genutzte Meerestiere – unter anderem auch Meeresschildkröten –

herausarbeiten sollte. Während seiner Arbeit innerhalb des Aquakulturprogramms wurde ihm

bewusst, wie wenig die Wissenschaft über die Biologie von den Meeresschildkröten wusste.

 

Aus einem kleinen Nebenprojekt über das Verhalten der Grünen Meeresschildkröten beim

Schlüpfen, entwickelte sich George Balazs allmählich zu einem gefragten Schildkrötenexperten.

So kam es, dass er 1972 – aufgefordert von einer Naturschützerin – eine Rede vor der

Kommission der hawaiischen Landesregierung hielt. In seiner Rede äußerte er sich besorgt über

den explosionsartigen Anstieg von Schildkrötenfleisch in der Tourismusindustrie und betonte

wie wichtig schärfere Gesetze für den Schutz der Meeresschildkröten sind. Trotz seines

engagierten Plädoyers für den Schutz der Meeresschildkröten konnte er sich nicht durchsetzen.

Ihm fehlten noch Daten zu den Bestandsgrößen der Meeresschildkröten auf Hawaii.

 

So kam es, dass er ein Jahr später eine mehrjährige Bestandsstudie auf East Island

(French Frigate Shoals) – im Nordwesten auf den Hawaii-Inseln –  begann. So entbehrlich das

Leben auf der Insel war, zurück kam George Balazs mit wertvollen Daten, die darauf hinwiesen

wie bedroht die Grüne Meeresschildkröte auf Hawaii war (ist). Daraufhin mobilisierte George

Balazs all seine Kräfte um die Öffentlichkeit auf die Bedrohung der Grünen Meeresschildkröte

aufmerksam zu machen. Außerdem drängte er weiterhin beharrlich auf schärfere Gesetze für

den Schutz der Meeresschildkröte.

 

Die Reaktionen der Öffentlichkeit waren überwiegend positiv, so dass im Jahre 1974 mit der

„Regulation 36“ die kommerzielle Nutzung von Grünen Meeresschildkröten schließlich

verboten wurde.  Vier Jahre später erreichte George Balazs dann die Grüne Meeresschildkröte

unter den Schutz der ESA (Endangered Species Act) zu bekommen.

 

Ohne den Einsatz von George Balazs wäre es womöglich erst viel später zu einem strengeren

Schutz der Grünen Meeresschildkröte gekommen. Anhand seiner Daten konnte George Balazs

belegen, wie schlecht es um diese Meeresschildkröte stand. Hervorzuheben ist außerdem, dass

George Balazs aus eigener Initiative die Studie begann und selber Gelder sammeln musste.

 

Die Population der Grünen Meeresschildkröten schien sich wieder zu erholen bis die

Fibropapillomatose mit ins Spiel kam.

 

Bei der Fibropapillomatose handelt es sich um eine Krankheit bei der es zu tumorartigen

Auswüchsen bei Meeresschildkröten kommt.

 

George Balazs traf zum ersten Mal auf die Fibropapillomatose Anfang 1974 als ein Mann

eine Grüne Meeresschildkröte mit einem Tumor am Hals am Strand entdeckte. Auch wenn

George Balazs als Schildkrötenexperte anerkannt war, wusste er in dem Moment nicht um

was es sich bei diesem Geschwülst handelte. Doch seine Neugierde und vor allem seine

Motivation die Meeresschildkröten zu schützen, trieben ihn zu weiteren Forschungen an.

Da er der Schildkrötenexperte war, konnte er niemanden um Rat fragen.

 

Außer morphologischen Beschreibungen, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand was die

Fibropapillomatose auslöste.

 

Im selben Jahr als George Balazs zum ersten Mal auf eine Grüne Meeresschildkröte mit

einem Tumor entdeckte, setzte er seine Forschungen auf East Island fort. Zu seinem

Erschrecken musste er feststellen, dass in jenem Jahr 10% der Schildkröten, die auf East

Island ihre Eier ablegten, von Tumoren befallen waren.

 

Zwar beging sich George Balazs entschlossen auf die Suche wann die FP zum ersten Mal auf

Hawaii auftrat, doch war er mit seiner Bestandsstudie und seinen Anstrengungen den Schutz

von Meeresschildkröten auf Hawaii zu verbessern derartig beschäftigt, so dass er sich zunächst

nicht weiter der FP widmen konnte.

 

Doch dies sollte sich im Jahre 1986 wieder ändern. Nachdem er auf dem Workshop „6th Annual

Workshop on Sea Turtle Biology and Conservation“ auf Lew Erhart traf.

 

 

Lew Erhart und die Meeresschildkröten

 

Lew Erhart zählte wie George Balazs zu den führenden Schildkröten-Experte. Er war Professor

und Chef einer kleinen Forschergruppe von Schildkrötenfans – den Turtleheads. Wie George

Balazs, berichtete Lew Erhart auf dem Workshop von der FP. Doch bezog sich sein Vortrag

nicht auf die Meeresschildkröten vor Hawaii, sondern auf diejenigen in der Indian River

Lagoon in Florida wo 1982 FP zum ersten Mal entdeckt wurde.

 

Das Aufeinandertreffen beider Forscher veranlasste George Balazs die Erforschung von FP

absolute Priorität einzuräumen.

 

Doch einfacher gesagt als getan.

 

George Balazs stand zahlreichen Herausforderungen gegenüber gestellt. Sein größtes Problem

war stets genügend Gelder zu finden um seine Arbeit zu finanzieren. Denn bei der

Meeresschildkröte handelt es sich nicht um eine wirtschaftlich interessante Art und  außerdem

gehört sie scheinbar nicht zu den charismatischsten Tieren wie Delfine oder Elefanten.

 

Vielleicht liegt es daran warum die eigentliche Ursache bis heute noch nicht eindeutig geklärt

werden konnte?

 

Nichtsdestotrotz, kam es mit der Meeresbiologin Jan Landsberg zu einem Wendepunkt in

der Erforschung von FP.

 

 

Jan Landsberg und die Meeresschildkröten

 

In George Balazs unermüdlichen Einsatz seine geliebten Meeresschildkröten vor FP zu

retten, schickte er zahlreichen Forschungsinstituten und Behörden einen Bericht über die

letzten Ergebnisse zu FP bei Meereschildkröten.

 

Ein Bericht landete auf dem Schreibtisch von Jan Landsberg.

 

Jan Landsberg war zu der Zeit Forscherin am Florida Marine Research Institute wo sie eine

tödliche Epidemie an tropischen Fischen untersuchte. Mit ihrem Hintergrundwissen ist sie

für die Erforschung von FP bei Meeresschildkröten prädestiniert. Denn wie bei Schildkröten,

gibt es unter den Fischen Populationen, die krank sind und andere die es nicht sind. Daher

verglich sie kranke und nicht kranke Populationen bei Fischen und fand dort schon heraus,

dass das Massensterben bei Fischen vermutlich von einem natürlichen Gift in der Nahrung

verursacht wurde.

 

Mit Jan Landsberg kam der Faktor Nahrung neben dem Herpesvirus als potentieller Auslöser

der FP-Epidemie mit ins Spiel.

 

Dabei wollte die Meeresbiologin vor allem einen Dinoflagellaten (Pororocentrum lima) und

sein Toxin Okadainsäure näher betrachten, da er auf Seegräsern und Makroalgen lebt und

somit von den Schildkröten gefressen werden kann. Jan Landsberg hat sich daher mit zwei

Fragen auseinandergesetzt:

 

Wachsen der Dinoflagellat und seine Verwandten auf den Algen  die Schildkröten fraßen?

 

Und gibt es einen Zusammenhang zwischen der Anwesenheit der Dinoflagellaten und FP?

 

Indem sie die von George Balazs gesammelten Algenproben untersuchte, fand sie heraus,

dass Dinoflagellaten vor allem dort vorkommen wo die Meeresschildkröten am stärksten von

FP betroffen sind. Hinzu kam, dass stark mit Tumoren befallene Meeresschildkröten bedeutend

höhere Levels an Okadainsäure aufwiesen als weniger stark befallene Tiere.

 

So eindeutig die Ergebnisse auch aussahen…

 

Das rätselhafte Massensterben der Meeresschildkröten konnte noch nicht eindeutig gelöst

werden. Denn in anderen Regionen wie Australien sind vermutlich Cyanobakterien die

FP-Förderer bei Meeresschildkröten.

 

Denkbar ist es dass es verschiedene Tumor-Förderer an verschiedenen Orten gibt.

 

Es wird jedoch auch vermutet, dass durch den weltweiten Rückgang von Seegraswiesen –

ausgelöst durch eingeschwemmten Dünger – Meeresschildkröten ihre Nahrung auf Algen

umgestellt haben. Und auf diese Algen könnten giftigen Dinoflagellaten oder eben

Cyanobakterien leben.

 

Sind also wir Menschen mit unserem Dünger für das Massensterben der Schildkröten

verantwortlich?

 

 

Meine erste und letzte Begegnung mit einer Meeresschildkröte

 

Meine erste und letzte Begegnung mit einer Meeresschildkröte in freier Wildbahn war beim

Schnorcheln auf Heron Island in Australien. Sie hat sich allerdings nur kurz blicken lassen

und ist dann ganz schnell wieder weggeschwommen. Bei Heron Island handelt es sich um eine

abgelegene Insel im Südlichen Great Barrier Reef. In Australien gibt es zwar schon Vorfälle

von FP – vermutlich ausgelöst durch Cyanobaktierien – doch auf Heron Island scheinen

die Meeresschildkröten von der FP noch verschont zu sein.

 

Doch wie lange noch?

 

 

Schildkröte vor Heron Island

Schildkröten - Sanfte Riesen

 

 

 

Schildkröten – Sanfte Riesen und ihr mysteriöses Massensterben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zurück